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Dr. DieterMatthei 12. Mai 2010
Entwurf
Vortrag
aus Anlaß des Tages
“Einheit, Wiedergeburt und die Poesie Magtymgulys“
vor dem Turkmenischen Kulturverein Köln
15. Mai 2010
Magtymguly Pyragi und Johann Gottfried Herder – Humanitätsideal und
nationale Idee
Die Bedeutung Magtymgulys und Herders
Magtymguly Pyragi (1733 - 1813) und Johann Gottfried Herder (1744 – 1803), zwei Männer des 18. Jahrhunderts, der eine Muslim, der andere Christ, gehören zu den bekanntesten Dichtern und Denkern ihrer Zeit. Ihre Poesie, ihre Gedanken haben die Literatur und geistige Entwicklung in beiden Ländern nachhaltig geprägt. Beider Namen sind weit über die Grenzen ihres Landes bekannt. Magtymguly wurde bereits zu Lebzeiten von allen turkmenischen Stämmen wie ein Heiliger verehrt. Arminius Vambery, der große ungarische Orientalist, Turkologe, Forschungsreisende, und vermutlich auch Geheimagent in britischen Diensten, der von 1861 bis 1864 in der Verkleidung eines Sufi, Teile des bis dahin für europäische Reisende hermetisch abgeschlossenen Z entralasiens durchwanderte, berichtet, dass bei den Turkmenen die Poesie Magtymgulys gleich nach dem Koran komme. AuchAfghanistan und im Iran, Ländern, in denen viele ethnische Turkmenen leben, begegnet man Magtymguly noch heute mit großer Achtung und Verehrung. Eine ähnliche Wertschätzung genießt Johann Gottfried Herder. Er gehört mit Goethe, Schiller und Wieland zum klassischen „Viergestirn“ von Weimar und gilt als Mitbegründer der „Weimarer Klassik“. Straßen, Plätze, Schulen tragen seinen Namen - so auch eine Schule in Köln - Buchheim. Die evangelische Kirche ehrte ihn, indem sie einen Choral nach seinem Gedicht „Du aller Sterne Schöpfer Licht“ in das evangelische Kirchengesangbuch aufnahm. Die Lebenswege Beide, Magtymguly und Herder, stammten aus unterschiedlichen Kulturkreisen und waren in Traditionen verwurzelt, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Beide waren Visionäre, beider Gedankenwelt kreiste um Humanität, Volk, und Nation. Bei beiden finden wir ausgeprägte mystische Bezüge - bei Magtymguly gespeist aus dem Sufismus, einer Geistesströmung, die der große persische Mystiker Abu Said einmal als „ Ruhm im Elend, Reichtum in der Armut, Herrschaft in Dienstbarkeit, Sättigung im Hunger, Leben im Tode und Süße in der Bitterkeit“ charakterisierte, bei Herder 1 erwachsen aus pietistischer Frömmigkeit, einer Frömmigkeit, die in Opposition zur herrschenden lutherischen Orthodoxie und zum Rationalismus stand. Über Magtymgulys Leben undWerk lassen sich in den Archiven nur wenige unmittelbare Quellenzeugnisse finden. Was wir wissen, stammt aus den mündlich überlieferten Gesängen der Bakshi Sängern, den Volkssängern. Wertvolle Hinweise gaben der bereits erwähnte Arminius Vambery, der sich auf Gyzyl Achun, einen islamischen Geistlichen, bezieht und Gara Ishan, ein Abkömmling des Vaters Magtymgulys, der Ende des 19. Jahrhunderts die Stammesältesten der Gokleng befragte. Man nimmt an, dass Magtymguly 1733 als dritter Sohn des Dowletmamet Azadi, eines Mullahs, im Dorf Hajygowschan, in der heutigen iranischen Provinz Gülistan geboren wurde. Er gehörte, wie er selbst berichtet, dem Gyshyklar Clan der Gerkez an, die zum Stamm der Gokleng gehörten. Erzählt allen, die nach mir fragen, dass ich ein Gerkez bin, aus der Nähe des Etrek und mein Name Magtymguly ist. heißt es in einem seiner Gedichte. Sein Namen dokumentiert seine Autorenschaft, ein in jener Zeit, die geprägt war durch die mündlichen Überlieferung, durchaus übliches Stilmittel. Entsprechend der klassischen Tradition fehlen seinen Gedichten die Titel. Magtymguly erhielt eine für die damalige Zeit erstklassige Erziehung und Ausbildung im Elternhaus und in den Medressen von Chiwa und Buchara . Neben dem Handwerk eines Silberschmieds und Sattlers erlernte er die arabische und persische Sprache sowie mehrere Turksprachen. Nach seiner Rückkehr in die Heimat betätigte er sich als Lehrer und Silberschmied. Dort war während seiner Abwesenheit seine eigentliche Liebe, Mengli , mit einem anderen Mann verheiratet worden, ein Schlag, von dem sich Magtymguly niemals mehr erholen sollte . Leid und Sorge waren auch später seine ständigen Begleiter. Die Ehe, die er nach dem Tod seiner geliebten Mengli einging, war alles andere als glücklich – „wenn Du ein altes A…loch werden willst, dann geh‘ und heirate“ heißt es an einer Stelle. Trotzdem hielt er an der Ehe fest. Sie müsse aber auf Zuneigung und gegenseitigem Verstehen beruhen. Für die Vielehe hatte er nichts übrig. Du armer gequälter Mann, der Du zwei Ehefrauen hast, endlose Auseinandersetzungen, Tag und Nacht, bestimmen Deine Lage, die Beschwerden jeder deiner Frauen sind so zahlreich, wie Hunde Flöhe haben, und sie werden sich niemals legen aus: Zwei Frauen Der wohl schwerste Schicksalsschlag war der Verlust seiner Aufzeichnungen. Sie gingen unwiederbringlich verloren, als das Kamel, das sie auf der Flucht aus seinem Heimatdorf trug, in den Etrek stürzte. Wenn ich mein Leben verliere, dann ist’s recht, 2 aber ein übles Schicksal brachte schrecklichen Frevel und ließ die Bücher, die ich geschrieben hatte, in den Fluten versinken, und ließ mich in meiner Trauer und in meinem Schmerz allein zurück aus: Verlust meines Lebens Die neuere Forschung geht davon aus, dass Magtymguly im Jahre1813 aus Kummer über erlittenes Leid und aus Gram über die Zerstrittenheit der turkmenischen Stämme am gebrochenen Herzen gestorben ist. Begraben ist er inAktokay in der Provinz Gülistan. Dort steht auch das zu seinen Ehren errichtete prachtvolle Mausoleum. Vor seinem Tode soll er lange vor der offenen Tür seines Hauses gesessen und auf die Berge geschaut haben, die Teil seines Lebens waren. Sein Gedicht „Wenn ich aufhöre zu sein“ schließt mit den Worten: Jeder, der lebt wird einst zu Grabe getragen werden, sagt Magtymguly, der Tod verschlingt alle Sünden. Der Himmel bleibt und die Erde dreht sich weiter. Die Sonne geht auf und verschwindet, der Mond nimmt zu und ab. Interessanterweise hieß es in Ashgabat nach dem Tode von Präsident Niyazov, dass dieser in den Nächten vor seinem Tode vom Balkon seines Krankenzimmers lange auf Ashgabat geschaut habe, als habe er sich von dieser Stadt und seinem Lande nicht trennen können. Wahrheit oder Anspielung auf Magtymguly - ich vermag es nicht beantworten. Herder wurde 1744 als Sohn eines Kantors und Lehrers in der kleinen Stadt Mohrungen, in der damaligen Provinz Preußen, heute ein Teil Polens, geboren. Er studierte in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, Theologie und hörte bei dem großen Philosophen Immanuel Kant Vorlesungen über Logik, Metaphysik und Moralphilosophie. In Königsberg schrieb er seine ersten Gedichte. Im Gegensatz zu Magtymguly sind Herders Lebensweg und Werke eingehend dokumentiert. Seine Werke füllen ganze Bibliotheken. Sie zeugen vom Reichtum seiner Gedanken, seiner Genialität und seinem Einfühlungsvermögen für das Poetische. Wie Magtymguly wurde auch Herder Lehrer, später dann Erzieher und Prediger inWeimar, dem geistigen Zentrum Deutschlands jener Zeit. Die Prüfungen, denen Magtymguly ausgesetzt sah, blieben Herder erspart, sieht man einmal von einem langwierigen Augenleiden ab, das ihm besonders imAlter schwer zu schaffen machte und zu einem Hypochonder und Querulanten werden ließ. InWeimar und propagierte Herder zusammen mit Goethe, Schiller undWieland die Suche nach Vollkommenheit, Harmonie und Humanität. Durch Kunst und Literatur sollten die Menschen zur Humanität erzogen und reif gemacht werden für gesellschaftliche Veränderungen. Sie sollten zu der Einsicht gelangen, dass persönliches Verderben die gerechte Strafe sei für begangene sittlichmoralische Verfehlungen Schon früh stellte Herder fest, dass, dass die literarischen Erzeugnisse aller Nationen durch den besonderen Genius der Volksart und Sprache bedingt sind und kritisierte heftig das Übergewicht der Lateiner im deutschsprachigen Raum. 3 Eine ähnliche Haltung begegnet uns auch bei Magtymguly. Er, der seine Muttersprache wegen ihres Reichtums und ihrer Schönheit überalles liebte, brach mit der bisherigen Tradition und benutzte, anders als die großen Dichter Zentralasien vor ihm, nicht das Persische, Arabische oder Chaghatai , sondern die Sprache seines Volkes. Er verband die islamische Bildersprache mit turkmenischen Sprichwörtern und benutzte an Stelle des bis dahin üblichen gestelzten klassischen Stils die turkmenische Alltagssprache. Seine Sprache war so klar und eindeutig, dass sie auch das einfache Volk verstand. Seine Gedichte greifen eine Vielzahl von Themen auf - mystische, lyrische, religiöse soziale und nationale. Er gilt als der Schöpfer der turkmenischen Literatursprache, einer Sprache, auf die spätere Dichter wie Seitnazar Seyidi (1775-1836) und Kurbandurdy Zelili (1780-1836) aufbauten. Seine Poesie wurde von den Bakshi Sängern begleitet auf der zweisaitigen Dutar im Volk verbreitet und fand schnell Eingang in die turkmenische Volksmusik. Werke Weit über 100 Manuskripte mit den Versen Magtymgulys befinden sich heute in turkmenischen Bibliotheken, weitere inAfghanistan, im Iran und in Russland und einige wenige in Bibliotheken Westeuropas. Keines dieser Manuskripte ist ein Original. Alle wurden nach Magtymgulys Tode auf Grund mündlicher Überlieferung verfasst. Lediglich ein Originalmanuskript will man vor mehr als 100 Jahren in Kara Kalla in nordwestlich Teil Turkmenistans entdeckt haben, aber auch dieses ist verschollen. Da die meisten Manuskripte, in arabischer Schrift verfasst waren wurden viele von ihnen zu Sowjetzeiten als religiöse Literatur zerstört oder fielen im Laufe der Jahre in ihren Verstecken der Zerstörung anheim. Nur wenige wurden später, als auch in Turkmenistan Gorbatschows Perestroika Einzug hielt, wiederentdeckt. Teile der Posie Magtymgulys wurden, sofern sie keine religiösen Bezüge aufweisen, in der Sowjetzeit mehrfach veröffentlicht. Im Zuge von Glasnost und Perestroika erschien 1990 dann erstmals auch eine Sammlung von Gedichten mit religiösen Bezügen, die Bagyshla Bizni, darunter „Die zwölf Imame“, „Wenn der Tag des jüngsten Gerichts naht“. Ende der neunziger Jahre brachte Youssef Azemoun, Träger des turkmenischen Magtymguly Literaturpreises, einer der höchsten Auszeichnungen Turkmenistans, in Zusammenarbeit mit der „Gesellschaft der Freunde Magtymgulys“ unter dem Titel Songs from the Steppes of Central Asia eine Auswahl der Poesie Magtymgulys in englischer Sprache heraus. Wie Magtymguly so hat auch Herder in die große Umbildung des deutschen Lebens am Ende des 18. Jahrhunderts r entscheidend eingegriffen. Seine Spuren finden sich sowohl in der Literatur als auch in der Philosophie. Herder, Dichter, Gelehrter, Pädagoge und Prediger und mit dem Charisma eines geistigen Anregers, war vorrangig kein Dichter, mehr ein Intellektueller mit dichtender Diktion. „Ich bin kein Dichter“ schrieb er einmal protestierend an Friedrich Schiller, als dieser ihn als solchen bezeichnete. Ein erstaunlicher Hinweis, da Herders poetische Werke doch immerhin mehrere Bände der dreiunddreißigbändigenWerkausgabe von Suphan füllen. Herder, der mit Goethe, Schiller und Wieland auch dem großen Weimarer „Viergestirn“ zugerechnet wird, steht meist im Schatten Goethes und Schillers, da er im allgemeinen Bewusstsein verankerte Schriften wie den Faust oder Wilhelm Tell nicht vorweisen kann. Humanität ,der zentrale Punkt im Wertesystem von Magtymguly und Herder Humanität, das Menschliche, ist die Grundlage der Poesie Magtymgulys und der Schriften Herders. Liebe, Hingabe, Bescheidenheit, er Glaube an Gott und der Gedanke an eine Erlösung prägen ihre Wert- und Moralvorstellungen. Sie begegnen uns bei Magtymguly, um nur einige Beispiele zu nennen, 4 in den Gedichten, in denen er seine unglückliche Liebe zu Mengli , den Verlust seiner beiden Söhne, seine Gefangenschaft bei den Persern und das jüngste Gericht beschreibt. Ich bin eine Nachtigall. Hier ist mein trauriges Lied aus den Gärten der Rosen. Nun habe ich begonnen, seht Ihr die Tränen in meinen Augen? Dorthin gehören sie. Welche Freude gibt es mehr im Leben, als wenn eine Liebe zu Ende ist? aus: Die Nachtigall In „Nachtigall“, das die Trennung von seiner großen Liebe Mengli zum Thema hat, kommt Magtymgulys ganze Verzweiflung zumAusdruck. „Nachtigall“ wurde zu einem der bekanntesten turkmenischen Lieder. Aber „Nachtigall“ ist mehr als nur Liebeslyrik. Die Trennung ist für Magtymguly ein immer wiederkehrender Topos. Sorge und Leid durchziehen wie ein roter Faden die Poesie Magtymgulys und prägen sein Verständnis von der menschlichen Natur. Der Verlust seiner beiden Söhne, Sary und Ibrahim, bedeute für sein schöpferisches Schaffen einen tiefen Einschnitt. In seinem Gedicht „Verlust“, eine seiner bedeutendsten Elegien, vergleicht er das Verhalten von Vögeln beim Verlust ihrer Jungen mit seinen Gefühlen und sagt: Wie können wir den Schmerz endgültiger Trennung ertragen, wenn der Tod uns etwas fortnimmt während wir schlafen? Selbst wenn Magtymgulys Sohn ein Nichts , ein Küken war, was dann? Was sollte er anderes tun als den ganzen Tag weinen. aus: Verlust Der Überlieferung nach soll Magtymguly zusammen mit seiner Mutter und seinem Schwager in die Hände des schiitischen Herrschers von Maschad, einer heiligen Stadt der Schiiten im Iran, gefallen sein. Der Herrscher ließ Magtymgulys Mutter frei, erlaubte ihr aber nur, einen der beiden Männer, die mit ihr zusammen gefangengenommen waren, mit in die Freiheit zu nehmen. Sie soll ihren Schwiegersohn, nicht aber den eigenen Sohn ausgewählt haben. Später soll sie dieses an und für sich unverständliche Verhalten damit begründet haben, dass Magtymguly als Dichter und Mann des Wortes schon einen Weg finden würde, freigelassen zu werden. Und in der Tat wurde erhielt Magtymguly die Freiheit wieder, nachdem er dem Herrscher die „Zwölf Imame“ vorgetragen und den Herrscher von Maschad um Vergebung gebeten hatte. Die Herausstellung der Tugenden der 12 Imame, wie der Mut, Weisheit, Treue, Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit, Glaube deutet darauf hin, dass dieseWerte für Magtymguly beispielhaft für ein gottgefälliges Leben sind. Ein weiteres immer wiederkehrendes Thema sind für Magtymguly die Sünde und das jüngste Gericht. Sie kommen am klarsten und eindeutigsten in seinem Gedicht „Der Tag des jüngsten Gerichts“ zumAusdruck. Ein große Flut wird kommen, die Flüsse werden versiegen, Sonne, Mond und Sterne werden verglühen, 5 wenn die Berge dahin schmelzen und Himmel und Erde vergehen, wird nur noch mein Gott selbst bestehen aus: Der Tag des jüngsten Gerichts Humanität steht auch im Mittepunkt des Denkens und literarischen Schaffens Herders. Sein Lebensund Bildungsideal ist die Läuterung des Menschen zum „vergöttlichten“ Menschlichen. Für ihn ist Humanität der Zweck der Menschen-Natur schlechthin. Erst mit dem Wachstum wahrer Humanität sinkt auch der zerstörende Dämon des Menschengeschlechts. Ein Traum, ein Traum ist unser leben Auf Erden hier. Wie Schatten auf den Wolken schweben Und schwinden wir, Und messen unsre trägen Schritte Nach Raum und Zeit Und sind (und wissens nicht) in Mitte Der Ewigkeit. Magtymgulys Kampf für nationale Einheit und eine gerechte Welt Für Herder wie für Magtymguly gehörte aber die politisch- sittliche Reflexion durchaus zur Poesie. Sie kommt bei Magtymguly in seiner tiefen Liebe und in seinem Mitgefühl für alle Unterdrückten und Gequälten und seiner Sorge um die nationalen Werte und Einheit der turkmenischen Stämme zum Ausdruck, die zu jener Zeit zerstritten ,zum Spielball der Interessen ihrer Nachbarn geworden waren. Mit seinen Gedichten, die an Moral, Tradition und die Brüderlichkeit der turkmenischen Stämme appellieren, sucht er denWeg in eine bessere Zukunft, frei von Sorge und Bedrückung aufzuzeigen. Magtymguly liebte sein Land über alles und verglich die Wiederkehr der Natur im Frühjahr mit der Auferstehung. Wenn Narruz kommt, nimmt die Welt neue Farben an – frei Die Wolken rufen laut, die Berge verschwimmen - frei Auch das Tote erwacht zu neuem Leben und beginnt sich zu rühren - frei Pflanzen zuvor, nie gesehen, wachsen und beginnen zu blühen- frei Alle Geschöpfe die uns von Nutzen oder Schaden sind- frei Ziehen ihre Art auf und gehen heimlich vorüber – frei Die Vögel öffnen ihre Schnäbel und beginnen zu singen –f rei aus: Alles ist frei Er kritisierte die Unterdrücker und Korruption 6 Die Herrscher lachen über den Niedergang der Gerechtigkeit. Dieser Niedergang ist die Apokalypse. Wenn man für einige Pfennige die Anordnungen der Muftis kaufen kann Und Tyrannen ohne ein letztes Gebet auf ihren Lippen sterben aus: Das Zeitalter ohne Moral und ermutigte sein Volk. Irgendwann, selbst wenn es erst der Tag des Jüngsten Gericht sein wird, verspricht er, werden die Armen wie ein Löwe, den ersten Platz einnehmen. Dann werden die Unterdrücker die Esel sein, die Armen aber werden, wie der Löwe den ersten Platz einnehmen aus: Vollendung Die Ursache für die Unterdrückung und die Armut sieht er in der Zerstrittenheit der turkmenischen Stämme. Er versucht zu schlichten und immer wieder ruft er zur Einigkeit auf: Wenn die Turkmenen erst den Gürtel der Entschlossenheit schnüren Sind sie so stark, dass sie das Rote Meer austrinken könnten Daher lasst uns die Stämme der Tekke, Yomut, Gokleng, Yazir und Alii Zu einer einigen stolzen Nation vereinigen aus: Ermahnung in Zeiten der Plage Es sollte aber noch fast zwei Jahrhunderte vergehen, bis Magtymgulys Traum von einer geeinten turkmenischen Nation, frei Unterdrückung durch andere Mächte, Wirklichkeit wurde und Turkmenen wieder voller Stolz auf die Leistungen ihres Volkes blicken konnten. Der Kampf gegen die von Magtymguly angeprangerte Korruption und Armut wird aber erst dann endgültig gewonnen sein, wenn das von Präsident Gurbanguly Berdimuhammedov Programm „Ein Staat für die Bürger“ tatsächlich verwirklicht ist. Herders Nationsverständnis Das Deutschland der Zeit Herders bestand aus einer Vielzahl von Einzelstaaten und Herrschaften - Königreichen, Herzogtümern, Fürstentümern und Ritterschaften. Kriege mit auswärtigen Mächten und wechselnde Bündnisse waren in jener Zeit an der Tagesordnung. Das einfache Volk, Bauern und Hanwerker, litt unter der Obrigkeit, ein Streben nach Glück und Wohlstand blieb dem gemeinen Volk verwehrt. Während Magtymguly vehement für eine Einigung der turkmenischen Stämme eintrat und damit schon einen turkmenischen Nationalstaat imAuge hatte, steht bei Herder die Kulturnation als eine geschichtlich überkommene Gemeinschaft, die sich durch gemeinsame Werte verbunden fühlt im Mittelpunkt seiner Überlegungen. Sprache, Literatur, Tradition und Sitte, Herkunft, Mythen und Religion bilden das Fundament für eine solche Wertegemeinschaft, di er als Nation bezeichnet. Eine Überwindung der territorialen Zersplitterung Deutschlands war für ihn, für den die Humanität an oberster Stelle stand, kein vorrangiges Ziel. 7 Herders Vorstellung von der Nation hat nur wenig von einem engstirnigen nationalistischen Nationenbegriff zu tun. Auf die Frage, was eine Nation denn sei, antwortet er: Ein großer …Garten voll Kraut und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Torheiten und Fehlern so wie von Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen und für diese Dulcinea, gemeint ist die Nation, gegen andere Nationen der Speer brechen? Lasset uns, so viel wir können, zur Ehre der Nation beitragen; auch verteidigen wollen wir sie, wo man ihr Unrecht tut; sie aber ex professio , gemeint ist von Berufs wegen preisen, das halte ich für einen Selbstruhm ohne Wirkung. Offenbar ist die Anlage der Natur, dass wie EIN Mensch, so auch Ein Geschlecht von und mit dem anderen lerne… bis endlich alle die schwere Lektion erfasst haben: kein Volk ist ein von Gott einzig auserwähltes Volk der Erde; die Wahrheit müsse von allen gesucht, der Garten des gemeinen Besten von allen gebauet werden“.„Den Deutschen ist‘s also keine Schande, dass sie von anderen Nationen, alten und neuen lernen. ..So darf sich kein Volk Europa’s vom anderen abschließen und thöricht sagen: bei mir allein, bei mir, wohnt alle Weisheit“. Den für den Nationalismus entscheidenden Faktor, den Ausschließlichkeitsanspruch der Loyalität zur Nation vor allen anderen gesellschaftlichen Bindungen oder religiösen Beziehungen, lehnte Herder ab. Schon frühzeitig erkannte er die Gefahr eines übersteigerten Nationalstolzes und plädierte für einen geläuterten Patriotismus. „ Der Patriotismus“, schrieb er, „muss sich notwendig immer mehr von Schlacken reinigen und läutern. Jede Nation muss fühlen lernen, dass sie nicht imAuge Anderer, nicht im Munde der Nachwelt, sondern nur in sich, in sich selbst groß, schön, edel, reich, wohlgeordnet, thätig und glücklich werde; und dass sodann die fremde wie die späteAchtung ihr wie der Schatte dem Körper folge“. Die Harmonie von Humanität, Patriotismus und Christentum ermöglichte (noch) einen ungezwungenen Umgang mit der explosiven Formel Nation. Schon in der Folgegeneration fand der Humanitätsgedanke ebenso wie Herders Appell an die Toleranz starke Gegner. Ähnlich wie Magtymguly trat auch Herder für Freiheit von Despotie undWillkür ein. Die in der französischen Revolution verübten Gewalttaten widersprachen aber zutiefst seinem Verständnis von Menschlichkeit. Sie zeigten ihm, dass die Freiheits- und Nationsidee schnell eine aggressive Gestalt annehmen kann, eine Vorstellung, die ihm tief zuwider war. Sein Ideal war der friedliche Übergang zu einer republikanischen Verfassung mit einer gedeihenden politischen Kultur verwurzelt in der Humanität. Schluß Wie Magtymguly war auch Herder ein Prediger der Humanität, in einer Zeit, in der der Begriff Menschlichkeit als Phrase galt, ja verlacht wurde. Gottesfurcht und Wahrhaftigkeit waren für iHerder Richtschnur und Maßstab zugleich. Wolfgang Thierse, Kulturphilosoph und von 1989 -2002 Präsident des Deutschen Bundestages sagte einmal, dass das was man später die „deutsche Kulturnation „ genannt hat, untrennbar mit Herder verbunden ist - und es war die „deutsche Kulturnation“, die nach dem 2. Weltkrieg die beiden Teile Deutschlands zusammenhielt und eine Einigung des geteilten Deutschland überhaupt erst möglich machte. Magtymguly, der Begründer der klassischen turkmenischen Literatur dessen Leitidee Humanität, nationale Einheit, Gerechtigkeit und Befreiung von fremder Unterdrückung war, gilt unbestritten als der große nationale Dichter und Denker Turkmenistans. Seine Poesie gehört nicht nur zum nationalen Erbe, sie das nationale Erbe schlechthin, mit dem jeder Turkmene, schon frühester Jugend an vertraut ist. Die von ihm immer wieder propagierte Einigkeit der turkmenischen Stämme über alle Differenzen hinaus und sein Apell an die gemeinsamen Werte und Traditionen schufen die Grundlage das 8 Entstehen eines turkmenischen Nationalbewusstseins. Wenn der Tag, den wir heute feiern „Einheit, Wiedergeburt und die Poesie Magtymgulys“ heißt, dann bedeutet dies nichts anderes als das sein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist und wie es in der Nationalhymne Turkmenistans heißt: Die Stämme sind Brüder, unter Ländern ist Vertrauen 9
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